ICH und das….. Kunstfestival „steirischer herbst“ 2017 in Graz

 

„Where are we Now?“ steirischer herbst Foto: Wolf Silveri

Dieses Jahr besuchte ich wieder einmal das Kunstfestival „steirischer herbst“ und dieser warf für mich viele Fragen auf. Den Songtitel von David Bowie „Where Are We Now?“ nahm der „steirischer herbst“ heuer als Slogan und stellte sich somit selbst die Frage „Where Are We Now?“

Der „steirischer herbst“ sowie das „musikprotokoll“ findet heuer zum 50. Mal statt und es ist legitim sich die Frage zu stellen „Wo befinden wir uns jetzt und wie soll es in Zukunft weitergehen“. Es ist auch ein Kunstfestival mit dem du dich auseinandersetzen musst, will man es verstehen.

Nachdem ich mehr oder weniger ein Individualist bin, habe ich auch den etwas anderen Stadtspaziergang „50 Jahre, 5 Knotenpunkte“ – Ein Audiowalk mit sinnlichen Erlebnissen – alleine unternommen. Diesen Stadtspaziergang konnte man Digital und analog, mit Augen und Ohren der Avantgardekunst neu erleben. Alles gut und schön, Digital viel bei mir gleich mal aus, obwohl ich ein iPhone besitze, konnte ich die App (die hätte ich dazu benötigt) nicht herunterladen, da ich mein Passwort (sehr kompliziert) nicht im Kopf habe und die Notiz zu Hause. Also musste ich mich analog fortbewegen. Man bekam ein „Wanderränzlein“ in denen sich die analogen Kurzanweisungen und 5 verschlossene Kuverts befanden. Es waren 5 Knotenpunkte die man ansteuern musste, bei denen in den vergangenen Jahrzehnten ebenfalls avantgardische Kunst stattfand. Bei jeder Station (öffentlicher Raum) wurde eine Aufgabe gestellt, die man zu lösen hatte. Ich bin bei einigen Aufgaben kläglich gescheitert, aber es war eine interessante Erfahrung. Man muss (vor allem wenn man es ohne Führung macht) den Mut aufbringen, die gestellten Aufgaben in der Öffentlich (Fußgänger, Zuschauer etc.) mal in Angriff zu nehmen und man muss es akzeptieren, dass man von  Passanten manchmal belächelt oder für verrückt erklärt wird (die Aufgabenstellung fand jeweils an sehr frequentierten Punkten statt). Hier stellte ich mir die Frage, was machen Besucher, keine Einheimischen sind (so wie ich, ich habe allerdings sehr lange in Graz gelebt und weiß wo ich die Standorte finde) die kein Smartphone oder iPhone besitzen und diesen  Stadtspaziergang ohne Führung trotzdem machen wollen, so wie ich es auch tat.  Auch hier wäre von den Kulturveranstaltern anzudenken, Unterlagen bereitzustellen, dass man auch ohne Technik auskommt.

Meine gescheiterten Aufgaben / Foto: Christa Linossi

Meine gescheiterten Aufgaben / Foto: Christa Linossi

Nach dieser Aktion ging ich dann doch lieber wieder in eine Ausstellung und sah mir im Graz Museum den Rückblick „Diese Wildnis hat Kultur – 50 x „steirischer herbst““ an. Gezeigt werden 50 bewegte Festivaljahre und holt kuriose Fundstücke aus den Archiven. Der „steirischer herbst“ steht für aufsehenerregende Positionen, die grundsätzliche Fragen zur Rolle der Kunst in der Gesellschaft aufwerfen. Kunstschaffende und Intellektuelle revoltierten mit progressiven Projekten gegen Traditionen, die von Deutschnationalismus, Faschismus und dem beredten Schweigen der unmittelbaren mörderischen Vergangenheit geprägt waren, und lösten damit zum Teil enorme Reaktionen und Debatten aus. Diese Sonderausstellung erzählt, wie sich das Festival zu einer Plattform für zeitgenössische Kunst mit internationaler Präsenz entwickelte. Viele Aktionen kommen einem bekannt vor und sind heute genauso präsent und aktuell wie seinerzeit.

„Diese Wildnis hat Kultur“/steirischer herbst Foto: Wolf Silveri

Betritt man die Ausstellung wird man gleich von einer Telefonzelle begrüßt, innen in der Telefonzelle ein Transparent von Wolfgang Bauer / Foto: Christa Linossi

Transparent in der Telefonzelle von Wolfgang Bauer (steir. Schriftsteller der 70iger Jahre). Dies wäre genau nach seinem Geschmack gewesen, . Foto: Christa Linossi

Zeitungsausschnitte, die Schlagzeile u.a. „Der „herbst“ regt wieder auf und an“, dies gilt für heute, genauso wie für seinerzeit. Foto: Christa Linossi

Für seinerzeit ein Aufreger, heute wahrscheinlich nicht mehr, Foto: Christa Linossi

Im Künstlerhaus Halle für Kunst & Medien läuft die Ausstellung „trigon 67/17 ambiente nuovo / post environment“. 1967 fand im Künstlerhaus eine legendäre Ausstellung zum erweiterten Umgang mit Raum und Kunst statt: trigon67. Das Künstlerhaus Halle für Kunst & Medien präsentiert zum 50-jährigen Jubiläum daher eine Neuauflage. 1963 wurde die Dreiländer Biennale trigon im Zuge einer allgemeinen Aufbruchsstimmung in Graz gegründet. Trigon 67/17 ist eine Rückschau wie Aktualisierung.

Künstlerhaus – Halle für Kunst & Medien: trigon 67/17
Foto: Eilfried Huth (trigon 67, 1967)

In der Neuen Galerie die Ausstellung „Prometheus Unbound“. Wer ist Prometheus? Er ist der „Kulturbringer“, den der den Göttern das Feuer stahl, um es den Menschen zu geben, gilt seit der Antike als Urheber der Zivilisation mit ihrer beständigen Suche nach wissenschaftlichen, politischen und geistigen Innovationen. Die Ausstellung ist von Luigi Fassi kuratiert und stellt die Frage, inwieweit ist diese westliche Auffassung von Geschichte und Fortschritt heute noch aktuell.

PromUnbd__Lothar Baumgarten Neue Galerie Foto: Wolf Silveri

Friedemann von Stockhausen „Sacrificial parts“, 2017 Courtesy der Künstler

Weiteres besteht heuer auch die Möglichkeit, die herbst-Ausstellung – „Prometheus Unbound“ in der Neuen Galerie Graz – intensiver zu erleben: Das Odilien-Institut bietet der steirische herbst Führungen für sehende und nicht sehende Kunst- und Kultur interessierte an. Das heißt, sie als sehender erhalten Brillen, die ihnen das Gefühl eines „nicht sehenden Menschen“ geben. Nun heißt es Licht aus, Augen zu, Wahrnehmung an. Ich habe an dieser Führung teilgenommen und stellte fest, es ist eine interessante Erfahrung und eine komplett andere Wahrnehmung. Diese Erfahrung warf Fragen auf, wie kann ich eine Skulptur mit meinen Händen ertasten, wie eine Wand wo eine Schrift angebracht ist erfahren und wie umgehen mit Videoinstallationen.  In den beiden Räumen konnte man nur die Kunstwerke der beiden Künstler Friedemann von Stockhausen (DE), und Lothar Baumgarten (DE) ertasten. Als „nicht sehender“ kommt man ohne Begleitperson zu keinem Ergebnis. Kulturvermittler sind hier noch gefordert um „nicht sehenden“ auch die Möglichkeit zu geben, Kunst zu genießen.

Ich habe einige Tage in Graz verbracht und doch nicht alles vom „steirischen herbst“ gesehen, das Problem ist auch, dass interessante Veranstaltungen eher an den Wochenenden stattfanden. Man müsste 3 Wochen vor Ort sein, dann könnte man komplett in den „steirischen herbst“ eintauchen.

Aber nach dem „steirischen herbst“ gibt es auch wieder einen vor dem „steirischen herbst“ und lassen wir uns überraschen was er 2018 zu bieten hat oder sollte er einfach einmal eine Pause machen, um durch zu Schnaufen und dann wieder neue interessante Projekte ins Leben rufen.

 

http://www.steirischerherbst.at/deutsch/Programm