steirischer herbst’2019

vom 19.September 2019 – 13.Oktober 2019

© Foto: Christa Linossi

Das interdisziplinäre Festival für zeitgenössische Kunst, das 1968 in einem herausfordernden politischen und geografischen Kontext gegründet wurde; in einem Land, das viele historische Leichen im Keller hatte, und in einer Stadt, die in einer Grenzregion des Kalten Krieges lag, steht wieder in den Startlöchern und eröffnet in Graz am 19. September 2019 seinen 52. steirischen herbst

Anna Clementi und Angela Wingerath bei Proben zu Zorka Wollnys Performance fürsteirischer herbst ’19, Berlin, 2019, Foto: Zorka Wollny 
Nedko Solakov, “a lost cold war spy, Skizze, 2019, courtesy the artist 

Ekaterina Degot (1958, Moskau) ist Kunsthistorikerin, Forscherin und Kuratorin und wurde 2018 für fünf Jahre zur Intendantin und Chefkuratorin des steirischen herbst bestellt. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf ästhetischen und gesellschaftspolitischen Fragen in Russland und Osteuropa vom 19. Jahrhundert bis zur postsowjetischen Ära.

2018 startete Ekaterina Degot mit ihrem kuratorischen Team das Projekt VOLKSFRONTEN mit den vielfältigen und ambivalenten Bedeutungen dieses Begriffs. Thematisiert wurden die Geschichte und das aktuelle politische Klima in Österreich und Europa. Somit schließt das Festival 2019 unmittelbar daran an und geht den zerstörerischen Widersprüchen und dem unheimlichen Charme des Habsburgischen Europa sowie seiner Bedeutung für den Rest der Welt tiefer auf den Grund. Das Kernprogramm des steirischen herbst’19 trägt den Titel „Grand Hotel Abyss – Grand Hotel Abgrund“.

Eine schlagende Metapher „Grand Hotel Abgrund“, so nannte der ungarische Philosoph Marxist Georg Lukács, nicht zuletzt wegen ihres teilweise großbürgerlichen Hintergrunds, die Intellektuellen und Kulturschaffenden des „Instituts für Sozialforschung“, jener berühmten „Frankfurter Schule“, welcher die gesellschaftskritische Sozialwissenschaft entscheidende Impulse verdankt.

Ian Hamilton Finlay, Neoclassicism Needs You, Postkarte, Ort und Jahr unbekannt, courtesy of the Estate of Ian Hamilton Finlay 

Auszug aus dem Pressetext „steirischer herbst‘19“

„Der tägliche Anblick des Abgrunds, zwischen behaglich genossenen Mahlzeiten oder Kunstproduktionen, kann die Freude an diesem raffinierten Komfort nur erhöhen.“ Lukács´ Bild entspricht der Selbstdarstellung von Graz und dem umliegenden österreichischen Bundesland Steiermark als Genussregion, als kulinarische und ästhetische Wohlfühlzone. Graz und die Steiermark gehören zu den zahlreichen Blasen aus gehobener Gastronomie, Wellness und Bio-Komfort, die in Zeiten zunehmender Ungleichheit entstehen – Orte, die maßgeschneidert sind für Geschäftsreisende und Kulturtourist*innen, wo das Lob traditioneller Erzeugnisse beängstigende, Krypto nationalistische Untertöne hat und der Abgrund der radikalen gesellschaftlichen Exklusion, der Wirtschaftskrise und des entfesselten militärischen Konflikts lauert und in Zeitlupengeschwindigkeit näherkommt. Grand Hotel Abyss nimmt diese Situation als Ausgangspunkt für eine umfassendere Betrachtung des Hedonismus in Zeiten der nahenden Apokalypse. Das Festival blickt zurück auf seine Vorgeschichte in den turbulenten Tagen des beginnenden Kalten Krieges, als britische Offiziere, darunter auch der junge John le Carré, das Hotel Wiesler – das damals einzige wirkliche Grand Hotel der Stadt – übernahmen und ihr Hauptquartier im Palais Attems aufschlugen, in dem sich heute das Büro des steirischen herbst befindet. Das diesjährige Programm erzählt Geschichten über die Wohlfühlpolitik des Nationalsozialismus, über sexuelle Praktiken der Zukunft, über die unmögliche Entscheidung zwischen Faschismus und Nationalsozialismus, die Tirol in den 1930er-Jahren aufgezwungen wurde, und über Handelssanktionen für landwirtschaftliche Produkte im heutigen Russland – und es spult vor in eine dystopische Zukunft, in der die bestehenden Kulturinstitutionen der Stadt in Cafés umgewandelt werden.“

Jakob Lena Knebl, Richard (2019), Foto: Christian Benesch 

„Grand Hotel Abyss“ eine Fiktion? Der steirische herbst’19 wird zur Eröffnung am 19. September 2019 bei einer Abendveranstaltung überraschende Ereignisse liefern und sich anschließend in der gesamten Stadt zu einem vierwöchigen, dicht gewobenen kuratorischen Narrativ aus Performances, Bühnenproduktionen, Installationen und Filmen von KünstlerInnen aus aller Welt weiterentwickeln.

Diesmal gibt es auch eine Kooperation mit dem Literaturhaus Graz und der steirische herbst’19 nutzt das Literaturhaus erstmals als Ausstellungsort. Konzipiert wird eine Installation von Ekaterina Degot und David Riff mit dem Titel „The Life and Adventures of GL“ welches einen künstlerisch-kuratorischen Blick auf die Fiktionen und Mythen um Georg Lukács und seine titelgebende Metapher des Hotels am Abgrund wirft. Des weiteres kooperieren beide Institutionen für ein dreitägiges Festival mit dem Titel „Weltmaschine Österreich“. Die „Weltmaschine Österreich“ ist die Erfindung des oststeirischen Bauern Franz Gsellmann. https://www.steiermark.com/microsites/gsellmann-weltmaschine

Eines ist sicher, es wird wieder ein spannender „steirischer herbst‘19“ vom 19. September bis 13. Oktober 2019 mit seinem „Grand Hotel Abyss“ in Graz und der Steiermark, mit Parcours, Kunstwerken, Installationsprojekten und Filmproduktionen.

Vor 51 Jahren gegründet, bietet das Festival immer wieder neuen Produktionen eine Plattform, die öffentliche Debatten auf unterschiedliche Art und quer durch alle Disziplinen und Medien zu provozieren und konturieren. Der steirische herbst der sich immer wieder neu erfindet und die begrifflichen Grundlagen, was Kultur für das Zeitgenössische bedeuten könnten, neu definiert. Graz die Kulturstadt der Avantgarde.

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https://www.steirischerherbst.at

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